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Experteninterview zum Thema M&A

Im Rahmen eines wissenschaftlichen Praxistransferberichtes der Hochschule für Wirtschaft & Recht Berlin hat unser Mitarbeiter und trialer Student Julian Kühnel ein Gespräch mit dem M&A Versicherungsspezialisten Marvin Stahl geführt, der als Underwriter bei der Dual Europe GmbH tätig ist. Das Interview bietet einen Einblick in das Mergers & Acquisitions Geschäft hinsichtlich der vergangenen, gegenwärtigen und künftigen Marktlage.

Hamburg, 24.11.2021 – In dem Interview, das Julian Kühnel mit Marvin Stahl führte, werden interessante Themen der allgemeinen Marktentwicklung im Versicherungsbereich M&A, Schadenentwicklungen, Prämienentwicklungen, Zeichnungsstopps, Lukrativitäten für Versicherer und Zukunftsaussichten des Marktes erörtert.


J. K./GGW: Herr Stahl, der M&A Markt erfreut sich seit schätzungsweise 20 Jahren fast konstant hoher Transaktionsaktivitäten. Wie sehen Sie die Entwicklungen des Versicherungsmarktes der letzten 20 Jahre bezogen auf das allgemeine Marktangebot seitens der Versicherer?

Marvin Stahl (im Folgenden M. S.): Für den deutschen Markt lässt sich Folgendes sagen: Innerhalb der letzten Jahre hat das allgemeine Marktangebot für M&A Versicherungen in Punkto Anbieter und Versicherungslösungen deutlich zugenommen. Mittlerweile operieren im deutschen Markt mehr als 15 Anbieter für M&A Versicherungen. Im Vergleich: Vor fünf Jahren waren es gerade mal fünf Anbieter. Auch beschränkt sich die M&A Versicherung nicht mehr nur auf die klassische Warranty & Indemnity Versicherung (W&I Versicherung), sondern umfasst auch Steuerrisiken und Rechtsstreitigkeiten im Kontext einer M&A Transaktion.
 

J. K./GGW: Nach meiner Recherche nahm zusätzlich auch die Schadenentwicklung speziell in den letzten drei Jahren vermehrt zu. Woran liegt diese Entwicklung und können Sie ungefähr sagen, wie hoch die Schadenentwicklungen in den letzten drei Jahren waren?

M. S.: Faktoren, die die Schadenentwicklung definitiv beeinflusst haben, sind das gesteigerte Wissen und die Professionalität in Bezug auf das Produkt. Man sollte auch anmerken, dass es durchaus nicht trivial ist, eine Schadenmeldung im M&A Kontext zu produzieren und darzustellen. Die involvierten Parteien wie Berater und Makler sind deutlich besser mit dem Produkt vertraut, weswegen sich die Schadenmeldungen deutlich professionalisiert haben. Des Weiteren hat sich der Deckungsumfang der W&I Police in den letzten Jahren deutlich zu Gunsten des Versicherungsnehmers gewandt. Soll heißen, dass einige Ausschlüsse, die vor einigen Jahren Standard waren, teilweise weggefallen sind. Im Schnitt kann man sagen, dass aus 20 Prozent der platzierten Policen eine Schadenmeldung resultiert.
 

J. K./GGW: Neben der Schadenentwicklung würde mich zudem sehr interessieren, wie sich zeitgleich die Prämien auf die Schadenentwicklungen ausgewirkt haben.

M. S.: Paradoxerweise ist die Prämie trotz der Schadenentwicklung bis etwa Anfang 2021 durchgehend gefallen. Das hat folgende Gründe: In den letzten Jahren wurden der Markt in Deutschland und die DACH-Region Schauplatz zahlreicher Markteintritte neuer Versicherer beziehungsweise MGAs, insbesondere aus dem Vereinigten Königreich und den Niederlanden. Auch gab es zu Beginn der Corona-Pandemie kaum bis wenige Transaktionen, die versichert werden konnten, weshalb ein größerer Markt um weniger Transaktionen kämpfen musste. Seit Anfang beziehungsweise Mitte dieses Jahres erholen sich die Prämien wieder, da einige Versicherer und MGAs weniger (zeitliche) Kapazitäten für das Underwriting neuer Transaktionen haben, was das Angebot verknappt und zu einer Erhöhung der Prämie führt. Die Prämien haben sich im Vergleich zum letzten Jahr um etwa 30 Prozent erhöht.
 

J. K./GGW: Mögen Sie als erfahrener Underwriter erläutern, aus welchen Bestandteilen sich die Prämie zusammensetzt und auf welche Merkmale Sie besonders bei der Kalkulation achten?

M. S.: Die Prämienberechnung folgt keiner Tarifrechnung wie beispielsweise bei einer D&O Versicherung. Der Prämienrechnung liegt auch kein quantitatives Modell zugrunde, sondern es wird aufgrund von Transaktionsspezifika (Größe der Transaktion, Sektor, Internationale Geschäftstätigkeit, wie umfangreich sind die Garantien), Erfahrungswerten aus der Vergangenheit und nach Gesprächen mit den Maklern bestimmt. Für operative Unternehmen wird eine Rate on Line von 1 bis 1,2% fällig (bei einer Versicherungssumme von 10 Mio. EUR würde eine Prämie von 120.000 EUR zu Buche schlagen (bei einer Rate on Line von 1,2%). Im Bereich Immobilientransaktion schlägt im Schnitt eine Rate on Line von 0.7% zu Buche.
 

J. K./GGW: Sind Ihnen allgemein auf dem Markt schon Zeichnungsstopps bei manchen M&A Versicherern bekannt?

M. S.: Zeichnungsstopps sind uns nicht bekannt.
 

J. K./GGW: Insgesamt wurden 2020 weltweit laut dem Institute for Mergers, Acquisitions and Alliances 45.652 Transaktionen getätigt, mit einem Gesamtvolumen von rund 2,8 Billionen US Dollar. Wie viele Transaktionen wurden davon Ihrer Schätzung nach mit einer speziellen M&A Versicherungslösung ausgestattet?

M. S.: Zumindest für den europäischen Raum lässt sich sagen, dass etwas 30% der Transaktionen durch eine solche Versicherungslösung abgesichert werden.
 

J. K./GGW: Können Versicherer  im Bereich W&I das gesamte Transaktionsvolumen zeichnen? Und wenn nein, gibt es Gründe dafür?

M. S.: Es ist tatsächlich ungewöhnlich, 100 Prozent des Transaktionsvolumens abzusichern, da der Käufer ein gewisses Risiko für sein Investment tragen sollte. Allerdings sind uns keine Transaktionen bekannt, bei denen ein 100% Schaden in Bezug auf das Transaktionsvolumen aufgetreten ist. In der Regel werden die ersten 10 Prozent des Transaktionsvolumens als am risikoreichsten angesehen. Das heißt, dass es als unwahrscheinlich angesehen wird, dass ein Schaden beziehungsweise mehrere Schäden mehr als 10 Prozent des Transaktionsvolumens ausmachen. Darüber hinaus nimmt das Risiko für Schäden ab. In der Regel werden 10 bis 30 Prozent des Transaktionsvolumens abgesichert.
 

J. K./GGW: Der Angebotsmarkt seitens der Versicherer für eine risikotransferbare Versicherungslösung war in der Vergangenheit recht überschaubar. Hat sich nach aktuellem Stand etwas geändert, oder wenn "nein", warum bieten derzeit nur so wenige Versicherer Lösungen für M&A Risiken an?

M. S.: Weltweit sollte es etwa 45 Versicherer und MGAs in diesem Financial Lines Bereich geben. Die ursprüngliche Zurückhaltung kann wahrscheinlich damit erklärt werden, dass das Produkt (insbesondere hier in Deutschland) noch als recht neu wahrgenommen wird und die klassischen Versicherer hier erst zurückhaltend waren. Mittlerweile sind auch traditionelle Versicherer in diesem Bereich angekommen.
 

J. K./GGW: Aus der Sicht eines Versicherungsmaklers würde mich auch sehr interessieren, welche drei Marktführer Ihnen spontan einfallen und was diese Versicherer jeweils aktuell Ihrer Meinung nach ausmacht.

M. S.: Liberty Global Transaction Solutions aufgrund ihrer Kapazitätsgröße - aktuell können sie 170 Mio. EUR pro Risiko als Versicherungssumme anbieten, AIG aufgrund ihrer Erfahrung der letzten 20 Jahre sowie DUAL und Acquinex aufgrund des flexiblen Underwritings (Schnelligkeit und Flexibilität).
 

J. K./GGW: Ich danke Ihnen für das Gespräch!
 

Über die GGW Gruppe

Die Gossler, Gobert & Wolters Gruppe (GGW Gruppe) ist einer der großen unabhängigen und inhabergeführten Industrieversicherungsmakler in Deutschland. Als Experte für integriertes Risiko- und Versicherungsmanagement betreuen die rund 290 Mitarbeiter der GGW Gruppe mittelständische Unternehmen aus Industrie, Handel, Gewerbe sowie den rechts- und wirtschaftsberatenden Berufen. Deutschlandweit ist das Beratungshaus an neun Standorten vertreten und berät in Zusammenarbeit mit internationalen Netzwerken Kunden in über 60 Ländern.

Autor: Claudia Runge
Veröffentlicht: 24.11.2021
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