
Warum Wirtschaftskriminalität kein Einzelfall ist und welche Maßnahmen wirklich helfen
Herr Albert, wie präsent ist das Thema Betrug aktuell bei Ihren Kunden?
Sehr präsent – und zwar deutlich mehr, als viele denken. Aus meiner täglichen Praxis kann ich berichten: Wir bekommen seit Jahren nahezu monatlich größere Schadenfälle gemeldet.
Das zeigt klar: Diese Betrugsarten sind kein Ausnahmefall, sondern passieren regelmäßig – quer durch verschiedene Branchen und Unternehmensgrößen.
Fake President (CEO-Fraud)
Können Sie kurz erklären, was hinter der sogenannten Chef-Masche steckt?
Beim Fake President geben sich Betrüger als Geschäftsführer oder Führungskraft aus. Sie kontaktieren Mitarbeitende – häufig in der Buchhaltung oder Assistenz – und fordern eine dringende, vertrauliche Überweisung. Dabei wird gezielt Zeitdruck aufgebaut.
Warum funktioniert das so gut?
Weil hier mit Hierarchie und Dringlichkeit gearbeitet wird. Mitarbeitende wollen korrekt handeln und schnell reagieren – genau das nutzen die Täter aus.
Was sollten Unternehmen konkret tun?
Entscheidend sind klare Prozesse: Zahlungen sollten grundsätzlich dem Vier-Augen-Prinzip unterliegen. Ungewöhnliche Anweisungen müssen immer verifiziert werden – idealerweise über bekannte Kontaktwege. Ebenso wichtig sind klar definierte Freigabegrenzen und ein Grundsatz, der konsequent gilt: Keine Ausnahmen bei Zeitdruck.
Payment Diversion (Zahlungsumleitung)
Was passiert bei einer Zahlungsumleitung?
Hier greifen Betrüger in bestehende Geschäftsbeziehungen ein. Sie geben sich als Lieferant aus und informieren über eine angeblich neue Bankverbindung. Die nächste Zahlung landet dann auf einem falschen Konto.
Wo liegt hier das größte Risiko?
Dass es sich um einen scheinbar normalen Vorgang handelt. Eine kleine Änderung – aber mit großer finanzieller Wirkung.
Wie kann man sich davor schützen?
Änderungen von Bankdaten sollten immer aktiv überprüft werden, etwa durch einen Rückruf über bekannte Kontakte. Zudem empfehlen sich klare Freigabeprozesse bei Stammdatenänderungen und eine saubere Dokumentation. Wichtig ist vor allem das Bewusstsein im Unternehmen: Kontodatenänderungen sind Hochrisiko-Vorgänge.
Fake Identity (Bestellerbetrug)
Was versteht man unter Bestellerbetrug?
Hier bestellen Täter Waren unter falscher Identität – häufig im Namen real existierender Unternehmen. Geliefert wird an abweichende Adressen, die Rechnung bleibt offen.
Gibt es typische Warnsignale?
Ja – zum Beispiel ungewöhnlich große Erstbestellungen, Zeitdruck, abweichende Lieferadressen oder leicht veränderte E-Mail-Domains.
Was sind die wichtigsten Gegenmaßnahmen?
Neue Kunden sollten sorgfältig geprüft werden – etwa hinsichtlich Bonität und Unternehmensdaten. Lieferadressen sollten hinterfragt und Limits für Erstbestellungen definiert werden. Im Zweifel ist Vorkasse oder eine zusätzliche Absicherung sinnvoll.
Wichtig zu wissen:
In solchen Fällen greift eine Warenkreditversicherung in der Regel nicht, da es sich nicht um den Zahlungsausfall eines echten Schuldners handelt, sondern um Betrug.
Wenn Sie eine zentrale Empfehlung geben müssten – welche wäre das?
Die wichtigste Maßnahme ist tatsächlich die Unternehmenskultur.
Was bedeutet das konkret im Alltag?
Unternehmen müssen klar vermitteln: Rückfragen sind ausdrücklich erwünscht.
Betrüger setzen gezielt darauf, dass Mitarbeitende nicht nachfragen – etwa aus Zeitdruck oder Unsicherheit. Wenn jedoch klar ist, dass Unsicherheiten offen angesprochen werden dürfen, verlieren viele Betrugsversuche sofort ihre Wirkung.
Ihr abschließender Rat an Unternehmen?
Unternehmen sollten zweigleisig fahren.
Zum einen ist Prävention entscheidend: klare Prozesse, geschulte Mitarbeitende und funktionierende Kontrollen.
Zum anderen empfehle ich, sich auch finanziell abzusichern – beispielsweise über eine Vertrauensschadenversicherung. Denn ein Restrisiko bleibt immer.
Prävention schützt vor dem Ereignis – Versicherung schützt im Schadenfall.
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