
Forderungsausfälle absichern: Welche Strategien für Stadtwerke und Versorger sinnvoll sind
Herr Albert, brauchen Unternehmen heute überhaupt noch eigenes Risikomanagement oder übernimmt das der Kreditversicherer?
Björn Albert:
Unternehmen brauchen beides. Ein professionelles Risikomanagement bleibt unverzichtbar. Kreditversicherer verfügen jedoch über internationale Datenbanken, laufendes Bonitätsmonitoring und umfangreiche Marktinformationen, die viele Unternehmen in dieser Tiefe selbst kaum bereitstellen können. Deshalb fungiert der Kreditversicherer als zusätzlicher, unabhängiger Risikoindikator und ergänzt die eigene Risikobewertung sinnvoll.
Wie hat sich das Risikoumfeld für Unternehmen in denvergangenen Jahren verändert?
Björn Albert:
Die Unsicherheit hat deutlich zugenommen. Steigende Insolvenzzahlen, geopolitische Spannungen, volatile Energiepreise und wirtschaftliche Schwankungen wirken sich unmittelbar auf die Zahlungsfähigkeit vieler Unternehmen aus. Dadurch wird es immer wichtiger, Risiken frühzeitig zuerkennen und nicht erst zu reagieren, wenn bereits Forderungsausfälle eingetreten sind.
Welche Risiken entstehen, wenn Unternehmen auf einstrukturiertes Forderungsmanagement verzichten?
Björn Albert:
Forderungsausfälle wirken sich heute deutlich stärker aus als noch vor einigen Jahren. Sie betreffen nicht nur einzelne Rechnungen, sondern können Liquidität, Ertrag und Eigenkapital belasten. Angesichts steigender Insolvenzzahlen ist fehlendes Risikomanagement keine tragfähige Strategie mehr.
Viele Stadtwerke und Versorger empfindenKreditversicherungen als bürokratisch. Ist das berechtigt?
Björn Albert:
Teilweise. Kreditversicherungen bringen Anforderungen wie Limite, Meldungen oder Dokumentationspflichten mit sich. In der Praxis wird der tatsächliche Aufwand jedoch häufig überschätzt. Moderne Lösungen sind heute deutlich einfacher und digitaler als viele Entscheider vermuten.
Was hat sich konkret verändert?
Björn Albert:
Viele Prozesse laufen inzwischen automatisiert.
Typische Beispiele sind:
- Blinddeckungen für kleinere Risiken ohne Einzelprüfung
- Selbstprüfungsrechte auf Basis eigener Zahlungserfahrungen
- Digitale Limitverwaltung und Bonitätsüberwachung
Dadurch können Unternehmen einen Großteil ihresForderungsbestands mit geringem administrativem Aufwand absichern.
Wo liegt dann der eigentliche Mehrwert einerKreditversicherung?
Björn Albert:
Der größte Nutzen entsteht nicht erst im Schadenfall. Kreditversicherer liefern laufend Informationen zur Bonität von Kunden und Geschäftspartnern. Unternehmen erhalten dadurch frühzeitig Hinweise auf mögliche Risiken und können ihre Entscheidungen auf einer deutlichbreiteren Informationsbasis treffen.
Können Kreditversicherungen also auch als Frühwarnsystemdienen?
Björn Albert:
Absolut. Viele Unternehmen nutzen Kreditversicherungen heute nicht nur zur Absicherung von Forderungen, sondern auch als Instrument der Risikosteuerung. Wenn sich die wirtschaftliche Situation eines Kundenverschlechtert, werden Risiken häufig frühzeitig sichtbar. Das verschafft Unternehmen wertvolle Zeit, um geeignete Maßnahmen einzuleiten.
Können Unternehmen heute auch nur einzelne Risikenabsichern?
Björn Albert:
Ja. Kreditversicherung muss nicht zwangsläufig den gesamten Forderungsbestand umfassen. Viele Unternehmen nutzen gezielte Lösungen für besonders kritische Risiken. Das kann beispielsweise die Absicherung einzelner Großkunden, bestimmter Kundengruppen oder ausgewählter Geschäftsbereiche sein. Dieser Ansatz ermöglicht eine sehr wirtschaftliche und bedarfsgerechte Risikosteuerung.
Können Sie ein Praxisbeispiel nennen?
Björn Albert:
Ein Stadtwerk erzielt häufig den Großteil seiner Umsätze mit tausenden Privatkunden. Das größte Ausfallrisiko liegt jedoch oft bei wenigen gewerblichen Großabnehmern. In solchen Fällen kann es sinnvoll sein, gezielt diese wirtschaftlich besonders relevanten Kunden abzusichern, anstatt den gesamten Kundenbestand einzubeziehen.
Warum ist dieser Ansatz gerade für Stadtwerkeinteressant?
Björn Albert:
Stadtwerke betreuen sehr unterschiedliche Kundengruppen –von Privathaushalten über Gewerbebetriebe bis hin zu energieintensiven Industriekunden. Deshalb ist eine differenzierte Absicherungsstrategie häufig effizienter als eine pauschale Lösung. Sie verbindet wirtschaftliche Effizienz mit gezielter Risikokontrolle.
Neben Forderungsausfällen wird häufig überInsolvenzanfechtungen gesprochen. Was steckt dahinter?
Björn Albert:
Bei einer Insolvenzanfechtung kann ein Insolvenzverwalter bereits erhaltene Zahlungen zurückfordern, wenn bestimmte rechtliche Voraussetzungen erfüllt sind. Für Versorger kann dieses Risiko besonders relevant sein, da langjährige Kundenbeziehungen, Zahlungsvereinbarungen oder Fortführungsbelieferungen häufig eine Rolle spielen.
Lässt sich auch dieses Risiko absichern?
Björn Albert:
Ja. Für dieses Risiko gibt es spezielle Insolvenzanfechtungsversicherungen. Sie können eigenständig abgeschlossen oder als Ergänzung zur Warenkreditversicherung integriert werden und schaffen zusätzliche finanzielle Sicherheit.
Welche Rolle spielt die Kreditversicherung beiFinanzierungsgesprächen mit Banken?
Björn Albert:
Auch dieser Aspekt wird häufig unterschätzt. Eine Kreditversicherung kann dazu beitragen, Forderungen abzusichern und Risiken transparent darzustellen. Das kann die Position eines Unternehmens gegenüber Finanzierungspartnern stärken und zusätzliche Handlungsspielräume schaffen.
Welche Empfehlung geben Sie Verantwortlichen inStadtwerken und im Mittelstand?
Björn Albert:
Unternehmen sollten zunächst ihre tatsächlichenAusfallrisiken analysieren:
- Welche Kunden haben den größten Einfluss auf Liquidität und Ergebnis?
- Wo bestehen Konzentrationsrisiken?
- Welche Risiken lassen sich wirtschaftlich absichern?
Kreditversicherung ist heute kein Standardprodukt von derStange. Sie kann flexibel an die jeweilige Risikosituation angepasst werden –von der automatisierten Breitenabsicherung bis zur gezielten Absicherungeinzelner Schlüsselrisiken.
Mein Fazit: Wer Risiken früh erkennt und gezielt steuert,schützt nicht nur Forderungen, sondern die finanzielle Stabilität des gesamtenUnternehmens.
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